10.01.2018, 16:00 Uhr: Gerichtstermin im Amtsgericht Bad Fredeburg

Femelinde und Hexenkapelle, Briefwaage und Hammerstempel, Original-Akten und Gefängniszelle – was erst langweilig anmutet, zieht mich mit Kurzweil in seinen Bann! Bestimmt denkt ihr jetzt „Ein Museum, wie öde und langweilig.“ Doch genau so ist das Gerichtsmuseum nicht. Ohne viel vorwegzunehmen: Es lohnt sich!

Mitten im Ort Bad Fredeburg, in direkter Nähe zur katholischen Kirche, befindet sich ein Gebäude, dessen Zweck schon auf den ersten Blick klar ist: Das Amtsgericht. Im Dachgeschoss gibt es ein Gerichtsmuseum, das wahrscheinlich das einzige seiner Art in NRW ist. Innerhalb der letzten 40 Jahre hat der betreibende Verein über 2.500 Exponate gesammelt, die hier ausgestellt sind.

Im Dachgeschoss des Amtsgerichts befindet sich das Gerichtsmuseum.

Ein Richter führt uns herein

Der 1. Vorsitzende des Vereins, Josef Raulf,  hat sich heute die Richterrobe angezogen. Als sehr ambitionierter „Richter“ erzählt er uns heute viel über die Geschichte der Gerichtsbarkeit im Ort Bad Fredeburg. Mit viel Begeisterung und Herzblut führt er unsere Gruppe von sieben Interessierten durch das Museum. Es gibt so vieles zu entdecken, auch Grausames und Lustiges.

Der Weg zu den Räumlichkeiten des Museums führt uns über Treppen ins Dachgeschoss. Am Treppenaufgang hängen einige Wappen von den Orten in der Stadt Schmallenberg. Unscheinbar hinter einer Stahltür verbirgt sich das Museum. Und dann steht man auch schon mitten drin!

Das Femegericht von Fredeburg

Geradeaus ist die Nachahmung eines Femegerichts aufgebaut, wie es auch in Bad Fredeburg zwischen 1439 und 1540 über Verbrecher richtete. Das Femegericht wurde zwar von kurfürstlicher Seite eingesetzt, aber durfte nicht innerhalb der Stadtmauern Recht sprechen. Daher wurde es damals unter freiem Himmel abgehalten und ist jetzt als Nachahmung innerhalb des Museums zu besichtigen. Auf dem Tisch befindet sich eine geflochtene Weidenrute (Symbol für den Strick) sowie ein Schwert. Beides zusammen sind Zeichen für die hohe Gerichtsbarkeit. Ein Femegericht wurde nämlich für schwere Straftaten wie zum Beispiel Raub, Mord und Meineid einberufen.

Herr Raulf erklärt uns, dass die Angeklagten auch in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurden! Selbst Flucht brachte den Verurteilten keine Hoffnung. Die sogenannten Freischöffen verfolgten und suchten den Verurteilten, auch über die damaligen Stadtgrenzen hinweg. Mit den Worten „Strick Stein Gras Grein“ konnten sie Freischöffen von anderen Femegerichten um Hilfe bitten. Diese Worte gehörten zu einer Art Geheim-Code, den nur die Freischöffen kannten und verstanden. Daher konnten (vermeintliche) Freischöffen auch selber zu Verfolgten werden, wenn sie die Worte falsch ausgesprochen haben: Ihnen wurde dann nämlich unterstellt, keine echten Freischöffen zu sein.

Am Ort des ursprünglichen Femegerichts in Bad Fredeburg wurde 1929 die Femelinde gepflanzt. Wenn ihr diesen Ort auf euch wirken lassen wollt, dann findet ihr die Femelinde in der Nähe der Bundesstraße. Zwischen der Kreuzung am SauerlandBad lauft ihr etwa 100 m links in Richtung des Kreisverkehrs beim Elektro Föster. Aber Vorsicht, an der Bundesstraße ist viel Verkehr!

Das Gerichtszimmer

Rechts im ersten Raum des Museums steht ein alter Richtertisch mit Armesünder-Bank für den Angeklagten und dem Stehpult für den Ankläger. Das alte Gesetzbuch liegt dort schon aufgeschlagen und das Schwurkreuz wartet auf den Eid. Der Richterstab liegt auch bereit. Wusstet ihr, woher der Ausspruch stammt „den Stab über jemanden brechen“? Zu Beginn der Verhandlung nimmt der Richter den Stab als Zeichen seiner Macht in die Hand und legt ihn nach der Verhandlung wieder ab. Wenn das Todesurteil verhängt wird, wurde der Stab über dem Kopf des Verurteilten in zwei Teile gebrochen. Der Richter hatte also sprichwörtlich den Stab gebrochen.

So sah ein Gericht damals aus. Links das Stehpult, daneben der Richtertisch, davor die Armesünder-Bank. Neben dem Richtertisch lehnt der Richterstab an der Wand.

Wer sich auf die Angeklagten-Bank setzt, weiß direkt wie schuldig sich ein Angeklagter gefühlt haben muss und auch, welche Angst er hatte. Der Richterstuhl steht nämlich viel höher als die Armesünder-Bank, so kann der Richter von oben runterblicken. Der furchteinflößende Richterstab und das Schwurkreuz leisten auch ihren Beitrag zum Unwohlsein.

Das grausame Mittelalter mit seinen lodernden Scheiterhaufen

In einem weiteren Raum des Museums geht es unter anderem um die Hexenverfolgung im Mittelalter. Ich sehe die Nachstellung eines Scheiterhaufens und eines Galgens. Das Mittelalter war grau und grausam, erklärt uns der Museumsführer Herr Raulf. Ja, das kann ich definitiv bestätigen. Mir wird ein wenig übel und ich bekomme Gänsehaut. Ich halte inne und denke nach. Auf der Tafel neben dem hier aufgebauten Scheiterhaufen lese ich, dass 50 Personen in Fredeburg um die Zeit 1630 hingerichtet wurden*. 50 unschuldige Menschen… Ich kann nur den Kopf schütteln über diese Grausamkeit. Nicht nur, dass die Menschen lebendig verbrannt wurden, sondern auch die vorangegangenen Malträtierungen zur Geständnis-Erzwingung lassen mich frösteln und erschaudern.

Das Urteil wurde an der „Hexenwiese“ gegenüber der Hexenkapelle vollstreckt. In der Kapelle erflehten die Verurteilten Trost und Gnade von Gott. Das Gebäude wurde 1770 an der Stelle eines vermutlichen Vorgängerbaus errichtet und 2005/2006 renoviert. Die Kapelle könnt ihr jederzeit besuchen und den unschuldigen Opfern gedenken. Vom Parkplatz des SauerlandBads aus ist man zu Fuß in wenigen Minuten dort. Ausgehend von der Kreuzung, folgt ihr dem Verlauf der B511 in Richtung Heiminghausen. Am nächsten Abzweig zur Pension Am Wald biegt ihr ab und erreicht nach ca. 100 m die Kapelle. Auch hier bitte vorsichtig sein, die B511 ist eine vielbefahrende Straße! Alternativ könnt ihr auch mit dem Auto hinfahren.

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Interessante und sehr alte Ausstellungsstücke!

Im Museum befinden sich unzählige Gegenstände, die damals auch im Gericht Bad Fredeburgs im Berufsalltag benutzt wurden. Eine alte Papierpresse scheint da noch relativ normal zu sein, aber der alte Staubsauger des Fabrikats Fakir wirkt fast ein bisschen antik. Sogar der Bohneraufsatz zum Polieren der Böden ist noch vorhanden! An der Wand findet man einige Zeitungsartikel aus den 50er Jahren mit den Urteilen des Amtsgerichtes Fredeburg. Auch lustige Urteile und Gerichtsbriefe sind in einem weiteren Raum ausgestellt. Da muss man an mancher Stelle schon sehr lachen! Ein paar witzige Ausschnitte findet ihr in der Bilder-Galerie.

Ein alter Staubsauger aus dem Amtsgericht Fredeburg. Der sieht wirklich ein wenig antik aus 😉

Die Museums-Bibliothek umfasst etwa 1.500 Bücher, teilweise auch Bücher aus dem späten 18. Jahrhundert! Hier gibt es sogar ein ganz besonderes Buch: ein „Bürgerliches Gesetzbuch für das Deutsche Reich“ von ca. 1900. Verschiedene Gesetzbücher aus vergangen Zeiten und auch Gerichtsprotokolle sowie juristische Sachbücher könnt ihr in der Bibliothek lesen.

„Bürgerliches Gesetzbuch für das Deutsche Reich“ von ca. 1900.

Der „Kuckuck“ und eine merkwürdige Sammlung

Einige Ausstellungsstücke im Museum befassen sich auch mit der Geschichte der Gerichtsvollzieher. In der heutigen, modernen Zeit werden Geldschulden meistens vom Gerichtsvollzieher eingetrieben. Zur Eintreibung hat der Gerichtsvollzieher manchmal auch Besitztümer des Schuldners verpfändet. Das Pfandsiegel nennt sich umgangssprachlich auch „Kuckuck“, aber mittlerweile wird immer seltener gepfändet. Alte Akten, ein Zuschlaghammer und lustigerweise auch eine Kuckucksuhr zieren den nachgestellten Arbeitsplatz eines Gerichtsvollziehers.

Der Arbeitsplatz des Gerichtsvollziehers.

Eine Sammlung der besonderen Art gibt es in einer abgeschlossenen Vitrine. Verschiedene Utensilien eines Drogenhändlers sind hier ausgestellt: Marihuana-Mühle, Wasserpfeifen, Haschisch-Wiegemesser, Feinwaage, verschiedene Pistolen, Gewehre, Messer und noch einiges mehr. (Fotos in der Bilder-Galerie!)

Wie im Gefängnis, oder doch eher im Büro?

In diesem Museum könnt ihr gleich mehrere Arten des Freiheitsentzuges besichtigen. Ob Kerker, Gefängniszelle, Karzer oder Schandkäfig – in allen könnt ihr euch einsperren lassen. Wenn ihr die Freiheit liebt (so wie ich), dann schaut ihr euch besser die alte Amtsstube eines Justizbeamten an. Auf den ersten Blick wirkt sie verstaubt und typisch bürokratisch, aber bei näherem Hinsehen finde ich zum Beispiel ein tolles Telefon mit Wählscheibe. So ein Teil kenne ich noch von früher, meine Oma hatte auch so eins!

Gewissenhafte Beamte wollen selbstverständlich auch Briefe korrekt frankieren. Dafür gibt es eine Briefwaage und eine Paketwaage. Auch die Benutzung dieser zwei Geräte würde ich noch hinbekommen, genauso wüsste ich auch noch wie ich die ausgestellte Schreibmaschine benutzen müsste. Aber als ich die alten Diktiergeräte sehe, weiß ich nicht mehr weiter. Denn die werden wohl teilweise noch mit Schallplatten betrieben, erklärt uns Herr Raulf.

Allgemeine Infos und Bilder-Galerie

Es gibt noch so viel mehr zu entdecken. Selbstverständlich konnte ich nicht alles fotografieren, aber ich hoffe, ich mache euch neugierig auf einen Besuch im Gerichtsmuseum Bad Fredeburg! Es ist ein faszinierendes Museum und ich werde nochmal hingehen.

Etwa 1-2 Mal pro Monat finden die Führungen statt. Der Eintritt ist frei, aber Spenden werden gerne angenommen. Die Termine für die nächsten Führungen findet ihr hier. Ich empfehle euch, ein paar Minuten früher am Amtsgericht zu sein. Der Museumsführer wird euch reinlassen. Plant für euren Besuch mindestens eine Stunde Zeit ein und meldet euch an, da eine Führung auf 15 Personen beschränkt ist. Mehr Informationen zum Gerichtsmuseum findet ihr hier

Hier findet ihr nochmal alle Fotos, die ich gemacht habe. Die Vorschaubilder werden vergrößert, wenn ihr auf die Bilder klickt.


* Laut Josef Raulf könnten es sogar bis zu hingerichtete 150 Menschen sein, da die letzten Erkenntnisse wohl auf einen Hexenrichter schließen lassen, der in Bad Fredeburg richtete. Hexenrichter waren „gründlicher“ und sehr darauf bedacht, möglichst viele Menschen als Hexen & Zauberer hinzurichten. Daher müsste man dann von einer viel größeren Opferzahl ausgehen.


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Veröffentlicht von Wilde Hilde

Wilde Hilde

Wilde Hilde - Das bin ich, eure abenteuerlustige Hilde, die hier regelmäßig für euch packende und inspirierende Erlebnisberichte schreibt. Hier werdet ihr immer wieder neue Ideen für eure Aktivitäten im Sauerland finden. Als echte Sauerländerin gebe ich euch hier die besten Tipps und nehme euch mit auf diese erlebnisreiche Entdeckungsreise durch das traumhaft schöne Land der tausend Berge. Für mich gibt es keinen schöneren Ort zum Leben! In meiner Freizeit lese ich gerne und viel, vor allem Romane. Wenn ich mal nicht lese, schreibe oder das schöne Sauerland entdecke, dann stehe ich in der Küche und zaubere Leckereien wie Kuchen, Plätzchen und Herzhaftes. Seid gespannt, was wir zusammen noch erleben werden!

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